Die Geschichte der Inka

Ursprung und Legenden der Inka

Mythologische Herkunft

Die Inka legitimierten ihre Herrschaft mit mythischen Ursprüngen:

  • Manco Capac und Mama Ocllo:
    • Laut der wichtigsten Legende, dem Mythos von Manco Capac, entstiegen dieser und seine Schwester (und Ehefrau) Mama Ocllo dem Titicacasee auf Geheiß des Sonnengottes Inti, um die Welt zu zivilisieren. Sie wanderten nach Norden und gründeten schließlich Cusco, indem sie einen goldenen Stab (tupayawri) in die Erde rammten – wo er versank, wurde Cusco gegründet.
    • Alternativ gibt es Legenden über vier Brüder, die vier mythische Provinzen des Tawantinsuyu repräsentieren.

Mythologische Ursprünge

  • Legende von Manco Capac und Mama Ocllo
    • Manco Capac wird in verschiedenen Mythen entweder als göttlicher Abkömmling von Inti (Sonnengott) oder als Sohn des Schöpfergottes Viracocha beschrieben. Die Darstellung der Sonne als göttliche Autorität half, die politische Macht der Inka zu legitimieren.
    • Der goldene Stab (tupayawri), den Manco Capac laut Legende besaß, ist symbolisch für Autorität und Verbindung zum Sonnengott Inti zu verstehen.

Archäologische Kulturen vor den Inka

  • Killke-Kultur (900–1200 n. Chr.)
    • Direkte Vorläufer der Inka im Cusco-Tal, bekannt durch typische schwarz-rote Keramiken, runde Wohnstrukturen, und erste größere Terrassierungen.
  • Chanca-Kultur
    • Bedeutender Rivale der frühen Inka, bekannt für militärische Stärke und ausgeprägte Kriegerkultur.

Frühzeit (ca. 1200–1438)

Die Inka waren ursprünglich eine kleine ethnische Gruppe (Quechua-sprechend), die unter mehreren konkurrierenden Kulturen der Andenregion (z.B. Chancas, Chimú, Wari, Tiwanaku) lebten. Cusco entwickelte sich erst langsam vom Dorf zur regionalen Macht.

Siedlungsursprünge und frühe Entwicklung

  • Cusco-Tal (ca. 1200 n. Chr.)
    • Ursprünglich waren die Inka eine kleine Gruppe innerhalb des Cusco-Tals, umgeben von starken rivalisierenden Kulturen, darunter die Chanca im Westen und die Lupaca im Süden.
    • Zunächst fungierte Cusco als Handels- und Kultzentrum, das schrittweise lokale Autorität gewann.

Archäologische und historische Quellen

  • Chroniken:
    • Die Geschichte wurde hauptsächlich durch mündliche Tradition überliefert und nach der Eroberung durch Spanier dokumentiert (z.B. von Garcilaso de la Vega, Bernabé Cobo).
  • Archäologie:
    • Fundstellen wie Qotakalli und Killke-Kultur belegen die frühe Besiedlung und handwerkliche Fähigkeiten (Töpferei, Metallverarbeitung) der Vor-Inka-Zeit.

Imperialer Aufstieg: Expansion und Regierung

Pachacuti Inca Yupanqui (1438–1471): Der Reichsgründer

  • Er gilt als strategischer und militärischer Genius.
  • Führte tiefgreifende Reformen durch: administrative Reorganisation, Einführung eines zentralisierten Verwaltungssystems, Bau neuer Städte und Tempel.
  • Unter seiner Herrschaft entstand Machu Picchu.

Aufstieg zur Macht

  • Schlacht von Cusco (1438)
    • Pachacuti („der Weltveränderer“) besiegte die mächtigen Chanca durch kluge militärische Strategie, was ihn zum unumstrittenen Führer machte.

Imperiale Umgestaltung

  • Staatsverwaltung
    • Einführung einer straffen Verwaltung, darunter Regionalgouverneure (Apukuna), Inspektoren (Tucuyricuq) und lokale Beamte (Kurakas).
    • Entwicklung des Qhapaq Ñan (Inka-Straßennetz).
  • Religiöse Reformen
    • Pachacuti etablierte die zentrale Stellung des Sonnengottes Inti im Coricancha-Tempel.
    • Förderung staatlicher religiöser Einheit, systematische Integration lokaler Glaubenssysteme.

Gründung von Machu Picchu (um 1450)

  • Vermutlich königlicher Landsitz, astronomisches Observatorium, Heiligtum oder Kombination dieser Zwecke.
  • Hervorragend erhaltene Terrassen, Aquädukte und Tempelanlagen spiegeln Ingenieurskunst wider.

Tupac Yupanqui (1471–1493): Der große Eroberer

  • Erweiterte das Imperium nach Norden (heutiges Ecuador), Süden (Chile) und in die bolivianischen Hochländer.
  • Stabilisierte das Reich durch Infrastruktur (Qhapaq Ñan).
  • Militärische Expansion
    • Eroberung des Chimú-Reichs (Norden Perus), Eingliederung fortschrittlicher Metallurgie (Gold- und Silberkunst).
    • Vorstoß bis Ecuador und Chile.
  • Kulturelle Integration
    • Umsiedlungsprogramme (Mitmaq) dienten zur Kontrolle rebellischer Völker, Austausch kultureller Praktiken.

Huayna Capac (1493–1527): Konsolidierung und Krise

  • Erreichte die maximale geografische Ausdehnung.
  • Sein Tod (durch europäische Krankheiten eingeschleppt) führte zum Bürgerkrieg.
  • Höhepunkt des Imperiums
    • Verwaltung des Reiches vom heutigen Quito (Ecuador) und Cusco.
    • Ausbau des Straßennetzes, staatliche Lagerhäuser (Qollqas), Infrastruktur für Handel und militärische Logistik.
  • Krise durch Krankheiten
    • Epidemien (wahrscheinlich Pocken) durch ersten indirekten Kontakt mit Europäern (vor Spaniern) dezimierten Bevölkerung und destabilisierten die Herrschaft.

Verwaltung und politische Organisation:

  • Tawantinsuyu wurde in vier Regionen („Suyu“) eingeteilt:
    1. Chinchaysuyu (Norden)
    2. Collasuyu (Süden)
    3. Antisuyu (Osten, Amazonas-Gebiet)
    4. Contisuyu (Westen, Pazifikküste)
  • Jede Region wurde von einem Gouverneur („Apu“) geleitet.

Inka-Architektur und Technik

Bautechniken

  • Inka-Mauerwerk verwendete perfekt zugeschnittene Steine („Polygonales Mauerwerk“) ohne Mörtel, um Erdbeben standzuhalten.
  • Sacsayhuamán bei Cusco zeigt besonders eindrucksvoll die massiven Steinblöcke, die passgenau verbaut wurden.

Wasserbau

  • Die Wasserversorgung und Drainagesysteme von Machu Picchu waren so fortschrittlich, dass sie bis heute noch funktionieren. Das Wasser wurde durch Kanäle und Wasserfälle umgeleitet und für rituelle Bäder sowie landwirtschaftliche Bewässerung genutzt.

Gesellschaft, Religion und Kultur

Gesellschaftsstruktur:

Die Gesellschaft der Inka war streng hierarchisch:

  • Sapa Inka: Absoluter Herrscher, als Sohn des Sonnengottes verehrt.
  • Inka-Adel: Herrschende Klasse, direkt mit dem Herrscher verwandt.
  • Kurakas: Lokale Verwaltungsbeamte.
  • Priester: Organisierten Rituale und astronomische Beobachtungen.
  • Handwerker und Bauern: Untere Schichten, die Mehrheit der Bevölkerung, zur Abgabe von Arbeitsdiensten (Mit’a) verpflichtet.

Religion:

Die Religion war polytheistisch, jedoch stark zentralisiert und staatlich gelenkt:

  • Inti (Sonnengott): Wichtigste Gottheit.
  • Viracocha: Schöpfergott.
  • Pachamama: Erdgöttin.
  • Illapa: Gott des Blitzes und Wetters.
  • Opferrituale (inkl. Menschenopfer bei besonders schweren Krisen) dienten der Beschwichtigung der Götter.

Architektur und Baukunst:

  • Perfekte Steinmetzarbeiten ohne Mörtel, angepasst an Erdbeben.
  • Berühmte Bauwerke: Machu Picchu, Sacsayhuamán, Ollantaytambo, Pisac.

Landwirtschaftliche Innovationen:

  • Terrassenbau (andenförmige Felder, um steile Hänge nutzbar zu machen)
  • Bewässerungssysteme (Kanäle, Aquädukte)
  • Experimentelle Agrarzentren (wie Moray)

Tiefere Einblicke in Gesellschaft und Alltag

Gesellschaftliche Hierarchie

  • Inka-Adel („Panaka“)
    • Familiäre Abstammungslinien, die Einfluss und wirtschaftliche Privilegien sicherten.
  • Ayllu-System
    • Familiengemeinschaften, die gemeinsam Felder bewirtschafteten und Sozialhilfe leisteten (kollektive Verantwortung).

Alltag im Tawantinsuyu

  • Kleidung und Symbolik
    • Textilien (aus Alpaka und Baumwolle) als Symbol sozialer Stellung und Identität.
    • Tocapus: geometrische Muster, symbolisierten Status und Herkunft.
  • Ernährung
    • Kartoffeln (über 200 Sorten), Mais, Quinoa, Lama- und Alpakafleisch, Meerschweinchen als Proteinquelle.

Alltag und kulturelle Praxis

Sprache und Schrift:

  • Quechua war Sprache der Inka und ist heute noch weit verbreitet.
  • Quipu-System: Knotenschnüre als nichtschriftliches Kommunikations- und Buchhaltungssystem. Bis heute nicht vollständig entschlüsselt.

Bildung:

  • Elite bildete Jugendliche in speziellen Schulen („Yachay Wasi“) in Religion, Verwaltung, Mathematik und Astronomie aus.

Wirtschaftssystem:

  • Kein Geldsystem: Tauschhandel und staatliche Umverteilung (aus staatlichen Lagerhäusern, genannt Qollqas).
  • Arbeitssystem (Mit’a): Bürger mussten periodisch für den Staat arbeiten (z.B. Straßenbau, Landwirtschaft).

Tiefere Einblicke in Religion und Weltbild

Kosmologie und Astronomie

  • Präzise astronomische Beobachtungen, Ausrichtung religiöser Bauwerke (z.B. Intihuatana-Stein Machu Picchu) auf Sonnenwend- und Tagundnachtgleiche.

Heilige Orte (Huacas)

  • Berge (Apus), Seen (Titicacasee) und Felsen als Sitz heiliger Kräfte.
  • Opfergaben: Coca-Blätter, Chicha (Maisbier), Edelmetalle, in seltenen Fällen auch Menschen (Capacocha-Ritual).

Spanische Eroberung und Zusammenbruch

Bürgerkrieg (1527–1532):

  • Nach dem Tod Huayna Capacs kam es zum Bürgerkrieg zwischen seinen Söhnen Atahualpa (in Quito) und Huáscar (Cusco).
  • Atahualpa besiegte Huáscar 1532, doch das Reich war geschwächt.

Ankunft der Spanier (1532):

  • Francisco Pizarro erreichte Cajamarca und nahm Atahualpa gefangen (Schlacht von Cajamarca, November 1532).
  • Lösegeldforderungen der Spanier: Atahualpa ließ ein Zimmer mit Gold und zwei weitere mit Silber füllen – doch er wurde dennoch 1533 hingerichtet.

Cuscos Fall und letzte Widerstände:

  • Cusco wurde 1533 eingenommen und ausgeplündert.
  • Widerstand von Neo-Inka-Staaten wie Vilcabamba (1537–1572), letzte Hochburg der Inka.
  • Tupac Amaru, letzter legitimer Sapa Inka, wurde 1572 gefangen und hingerichtet.

Erbe und heutiges Vermächtnis der Inka

  • Die Inka-Tradition und Sprache (Quechua) lebt bis heute in Peru, Bolivien, Ecuador und Argentinien weiter.
  • Monumentale Stätten der Inka wurden UNESCO-Welterbestätten, besonders Machu Picchu (1911 von Hiram Bingham wiederentdeckt).
  • Das Qhapaq-Ñan-Netzwerk (die Straßen der Inka) gilt als eine der größten Ingenieursleistungen der präkolumbianischen Zeit.

 

Copyright by Sabine Aescht 16.03.2025